Startschuss mit Spätgeburt

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„Der erste Blick ins Objektiv“ schrieb mein Vater im Band „Walter 1“ neben das oberste Foto  mit weißer Tinte auf die erste schwarze Pappkartonseite des in hellbeigem Leinen gebundenen Albums.

Im Krankenhaus in Wissen an der Sieg presste mich meine Mutter bei einer von vielen vorangegangenen Wehen ans Neonlicht in der Geburtsstation. An einem frühen Maimorgen gegen 5 Uhr. Mit dreiwöchiger Verspätung. Ich war ein großer Brocken für damalige Verhältnisse. 52 cm. Und offensichtlich nicht so richtig überzeugt, ob ich das Ende meiner wohlbehüteten ersten Lebensphase im Mutterleib gut finden sollte.

Das Krankenhaus besteht heute noch, allerdings seit 2010 mit anderer medizinischer Ausrichtung, als Fachkrankenhaus Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik nämlich. Was mir jetzt nicht so viel ausmacht. Ich will schließlich nicht dorthin zurück.

Vielleicht haben mich auch die Nöte der Hungerjahre nach dem Krieg davon abgehalten, mich zu beeilen, so richtig auf die Welt zu kommen. Aber die waren schon länger vorbei. Zu essen gab es 1952 wieder für die meisten genug. Das Gehalt meines Vaters als Techniker im Versuchslabor der  Wissener Stahlwerke reichte, um auch meine drei Jahre alt Schwester und den Opa satt zu kriegen, Vater meiner Mutter, der bei uns wohnte.

Zur Nahrungsmittelversorgung trug auch die Gartenparzelle vor dem Haus bei, in das ich nach meinen ersten Krankenhaustagen einzog. Zu jeder der acht Mietwohnungen gehörte eine, mit Bohnenstangen, Kartoffel- und Gemüsebeeten intensiv bewirtschaftet, und einem kleinen Rasenstück mit Teppichstange darauf.

Hinter einer Hecke etwas oberhalb der Nutzgärten lag ein kleiner Park. Wenn man den durchquerte, gelangte man in die Stadt mit angenehm duftenden Bäckereien, Milch- und Käsegeschäften, Lebensmittel- und Krämerläden und einer Scheune, in der nur Kartoffeln verkauft wurden. Bewusst wahrgenommen habe ich den Geruch aber erst, als ich schon laufen konnte an der Hand meiner Mutter, ich habe ihn aber heute noch in der Nase, wenn ich Kartoffel sehe oder an Kartoffeln denke.

Meine ersten Gedanken galten aber nicht Kartoffeln, sie galten natürlich der Milch. Erst der aus den Stillbrüsten meiner Mutter, wovon keine Fotos gemacht wurden, danach der aus der Flasche. Die mir morgens meistens der Opa verabreichte, immer in Strickjacke, Hemd und Krawatte, mit mir im Arm auf dem Sofa in der Wohnküche sitzend.

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Wohnküche mit Holzdielenboden, großem Tisch und blitzblankem Kohleherd, der regelmäßig mit Scheuerkreide poliert wurde.

Die Frankfurter Rundschau (Stadt-Ausgabe) betitelte ihren Aufmacher am 17. Mai 1952, einem Samstag, mit der Schlagzeile: „Bundestag stimmt Lastenausgleich zu“. Das Gesetz sollte Deutschen, allen voran den aus den ehemals ostdeutschen Gebieten Vertriebenen, einen Anspruch sichern auf Entschädigung für Vermögensverluste, die sie durch den Zweiten Weltkrieg erlitten hatten. Zu Ausgleichszahlungen herangezogen werden sollten alle, die auch nach dem Krieg noch über ein nennenswertes Vermögen verfügen konnten. CDU, FDP und die Abgeordneten der Deutschen Partei (DP) hatten der Gesetzesvorlage am Nachmittag des Vortags zugestimmt, dagegen gestimmt hatten SPD und KPD. Ihren Abgeordneten gingen die Leistungen und der Kreis der Berechtigten nicht weit genug.

In Kraft trat das Gesetz zwar erst am 1. September, aber die Zeichen waren nach größenwahnsinnigem „Sieg Heil!“ auf Heilen und Versöhnen und auf Zukunft gestellt, als mein Leben begann. Nicht ohne sofort in einen erbitterten Streit zu geraten. Die Lasten des Ausgleichs würden der Allgemeinheit in Form von Steuern und höheren Preisen aufgebürdet, sagten die Kritiker des Gesetzes, während die Vermögenden, deren Besitztümer den Krieg überstanden hatten, allen voran die Grundbesitzer, weitgehend verschont blieben. Natürlich konnte ich nicht ahnen, wie ermüdend oft ich eine solche gesellschaftliche und politische Gemengenlage noch erleben sollte, in immer anderen Konstellationen und doch mit immer derselben brachialen Penetranz.

Auch Waffen aus deutscher Produktion waren auf der Titelseite meiner Geburtstags-FR schon wieder ein großes Thema.

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Editorial

Wann rechtfertigt ein Leben eine Biografie? Bei besonderen Leistungen, besonderen Erfolgen, besonderen Leiden? Oder gerade beim Fehlen aller Besonderheiten. Im Schatten aller großen und bedeutenden Namen, Berühmtheiten, Vorbilder?

Mit deutschkindlauf will ich versuchen, anhand meiner Biografie mit Bildern und kurzen Texten eine Episode „normaler“ deutscher Zeit- und Gesellschaftsgeschichte nachzuzeichnen, beginnend mit meiner Geburt ziemlich genau sieben Jahre nach Kriegsende und während bis heute.

Die Fotos stammen, wenn nichts anderes angegeben ist, von meinem Vater Franz Budziak (10.1.1923 – 8.9.2006). Mit welcher Kamera er die Bilder meiner ersten Jahre aufgenommen hat, weiß ich nicht. An seinen Stolz nach dem Erwerb einer Retina kann ich mich aber noch erinnern. Einige Kaufhingänge zu einem Fotohändler, immer an einem arbeitsfreien Samstag vormittag, waren dem vorausgegangen. Ich im Alter von drei, vier Jahren an seiner Hand. Mit der Retina entstanden danach aber immer nur technisch bessere Bilder, die mein Vater fotografierte, selbst entwickelte und auch selbst vergrößerte.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viel Freude. Beim Erwachen eigener Erinnerungen, vielleicht mit der Bereitschaft, sie aus heutiger Sicht neu zu sortieren und zu gewichten. Und bisweilen zu nutzen als ein Quell später Erkenntnisse.

Ihr Walter Budziak